Die letzten Tage waren ruhig hier. Nicht, weil es nichts zu berichten gÀbe, sondern weil meine ganze Aufmerksamkeit, jede Kraft und jeder Gedanke bei Nio sind.
Im Moment ist alles ein stĂ€ndiges Auf und Ab. Es gibt Tage, die sich leichter anfĂŒhlen, und solche, die kaum zu tragen sind. An manchen Tagen schenkt er uns noch ein kleines LĂ€cheln, einen kurzen Moment von NĂ€he. An anderen Tagen ist er völlig teilnahmslos, als wĂ€re er schon ein StĂŒck weiter weg.
Essen und Trinken hat er inzwischen komplett eingestellt. Alles, was er braucht, bekommt er nun ĂŒber die Magensonde. Wieder ein Abschied von etwas, das frĂŒher so selbstverstĂ€ndlich war.
Er kann sich nicht mehr alleine aufsetzen, seinen Kopf halten oder sich selbst bewegen. Oft sitze ich hinter ihm, halte ihn fest und stĂŒtze ihn, damit er nicht nur liegen muss. So kann ich ihm wenigstens NĂ€he geben, wenn sein Körper ihm schon so vieles nimmt.
Durch seine zunehmend schlimmer werdende Schluckstörung verschluckt er sich immer wieder heftig an seinem eigenen Speichel. Diese Momente sind beÀngstigend, machen hilflos.
Gestern war das Palliativteam hier, weil Nio Krupphusten hatte. Es ist ein groĂer Segen, dass es sie gibt und wir ihn nicht mehr zum Kinderarzt bringen mĂŒssen â ein Weg, der fĂŒr ihn inzwischen viel zu anstrengend und stressig wĂ€re. Zu wissen, dass Hilfe kommt, ohne ihn aus seiner gewohnten Umgebung reiĂen zu mĂŒssen, bedeutet unendlich viel.
So stabil er ĂŒber Weihnachten noch war, so schnell hat er Anfang des Jahres abgebaut.
Wir nehmen jeden Tag so, wie er kommt, und halten fest, was noch da ist.
Gestern kam Nios Kindersitz fĂŒrs Auto. Nach dreieinhalb Monaten.
Was unglaublich klingt, ist leider RealitĂ€t.Â
Nio kann seit Monaten nicht mehr selbststĂ€ndig sitzen. Er braucht deshalb einen speziellen Kindersitz, der ihn stĂŒtzt, sichert und ihm ĂŒberhaupt ermöglicht, im Auto transportiert zu werden. Eigentlich etwas SelbstverstĂ€ndliches. Eigentlich.
Doch wir leben im Land der BĂŒrokratie. Hier geht nichts schnell. Wir wĂŒrden ĂŒbrigens immer noch warten, wenn ich nicht unterschrieben hĂ€tte, dass wir den Sitz notfalls selbst bezahlen.
Dass wir ĂŒber Monate hinweg faktisch nicht mobil sind, scheint niemanden zu interessieren. Dass Arzttermine oder einfach ein kleines StĂŒck Alltag ohne Auto kaum machbar sind â spielt keine Rolle. Akten zĂ€hlen mehr als LebensrealitĂ€t.
Damit ich ĂŒberhaupt zu wichtigen Terminen mit ihm fahren konnte, habe ich selbst zusĂ€tzliche Gurte an seinen alten Kindersitz genĂ€ht. Improvisiert. Und ich brauchte immer eine Begleitperson, die ihn wĂ€hrend der Fahrt stĂŒtzte.
So sieht unser Alltag aus.
Das ist das Leben mit einem Kind mit besonderen BedĂŒrfnissen. Und als wĂ€re die Pflege, die Sorge und die emotionale Daueranspannung nicht schon Aufgabe genug, verbringt man unzĂ€hlige Stunden mit AntrĂ€gen, Formularen, Telefonaten und WidersprĂŒchen.
Warum mĂŒssen Eltern kĂ€mpfen, um notwendige Hilfsmittel zu bekommen?
Warum fĂŒhlt es sich an, als mĂŒsse man beweisen, dass das eigene Kind seine EinschrĂ€nkungen wirklich hat? Als wĂŒrden wir Hilfsmittel âzum SpaĂâ beantragen â und nicht, weil sie dringend gebraucht werden.
Und es hört ja nicht auf.
Der Therapiestuhl? Warteschleife.
Der Rehabuggy? Warteschleife.
WĂ€hrenddessen vergeht Zeit. WĂ€hrenddessen bleibt Teilhabe auf der Strecke.
Von Inklusion sind wir meilenweit entfernt.
Statt UnterstĂŒtzung gibt es zusĂ€tzliche Steine im Weg.
Ja, heute ist der Sitz endlich da. Aber die Erleichterung mischt sich mit Erschöpfung.
Denn das hier ist kein Einzelfall. Das ist unser System.
Heute ist die Diagnose 1 Jahr und 1 Monat her.
Ich habe darĂŒber nachgedacht, ob ich ĂŒberhaupt weiterzĂ€hlen soll. Ob es sinnvoll ist, die Monate wie kleine FĂ€hnchen in einen Weg zu stecken. Ob es irgendwann besser wĂ€re, ohne diese innere Stoppuhr.
Und gleichzeitig brauche ich dafĂŒr keinen Kalender.
Der 16. eines jeden Monats ist lĂ€ngst in mir gespeichert. Er kommt nicht leise vorbei. Er steht da. SpĂŒrbar. UnĂŒbersehbar.
Es ist seltsam, wie sich ein Datum in ein Leben einbrennen kann.
FrĂŒher war der 16. einfach ein Tag. Einer von dreiĂig oder einunddreiĂig. Heute trĂ€gt er Bedeutung. Gewicht. Erinnerung.
Manchmal fĂŒhlt es sich an wie gestern.
Manchmal wie ein ganzes anderes Leben.
Ich frage mich, ob das WeiterzĂ€hlen mich festhĂ€lt â oder ob es mich trĂ€gt. Denn diese Monate sind nicht nur eine Erinnerung an die Diagnose. Sie sind auch eine Erinnerung daran, was wir seitdem geschafft haben.
Jeder 16. ist nicht nur ein RĂŒckblick. Er ist auch ein Meilenstein.
Ein weiterer Monat, den wir erreichen durften.Â
Der 16. wird bleiben.
Er wird mich erinnern.
Aber er darf auch erzÀhlen, wie weit wir schon gekommen sind.
Neun Jahre voller Erinnerungen, voller kleiner und groĂer Momente, die sich tief ins Herz gebrannt haben.
Letztes Jahr habe ich an diesem Tag einen Beitrag geschrieben. Einen Beitrag, in dem so viel Unsicherheit lag. Wir wussten nicht einmal, ob wir ĂŒberhaupt noch einen weiteren Geburtstag wĂŒrden feiern dĂŒrfen. Und ganz sicher nicht in dem Gesundheitszustand, in dem er damals war. Hoffnung und RealitĂ€t standen sich oft schmerzhaft gegenĂŒber.
Und heute?
Heute feiern wir tatsÀchlich noch einen Geburtstag.
Nicht in dem Gesundheitszustand vom letzten Jahr. Die Situation hat sich verĂ€ndert. Manches ist schwerer geworden. Manches leiser. Manches zerbrechlicher. Aber wir dĂŒrfen diesen Tag gemeinsam erleben. Und allein das ist ein Geschenk.
Vielleicht bekommt Nio all das nicht mehr bewusst mit. Sieht nicht, dass das Haus geschmĂŒckt ist. Merkt nicht, dass wir ihn heute noch einmal ein bisschen mehr anschauen als sonst. Versteht nicht, warum Geschenke auf ihn warten und eine Torte auf dem Tisch steht.
Aber wir wissen es.
Wir fĂŒhlen es.
Und wir feiern ihn.
Mit Familie.
Mit Deko.
Mit Geschenken.
Mit Kerzen auf einer Torte, die fĂŒr neun Jahre stehen â neun Jahre, die so unendlich wertvoll sind.
Es ist kein unbeschwertes Feiern. Es ist ein dankbares Feiern. Ein bewusstes. Aber dennoch von Herzen.
Happy Birthday mein KĂ€mpfer đ
Nio hatte starke Schmerzen und wir wussten zunÀchst nicht, woher sie kommen. Da er gerade einen Backenzahn bekommt, dachten wir zuerst, es könnte daran liegen. Es schien eine logische ErklÀrung zu sein. Etwas Greifbares. Etwas, das wieder vorbeigeht.
Doch die Schmerzen wurden trotz Schmerzmittel immer schlimmer.
Das Palliativteam hat Nio schlieĂlich untersucht. Die Ursache waren nicht die ZĂ€hne. Es sind Schmerzen in der HĂŒfte, dazu starke Spastiken und Nervenschmerzen. Wieder einmal zeigt uns sein kleiner Körper, wie viel er aushalten muss.
Er bekommt nun starke Schmerzmittel. Sie helfen ihm einigermaĂen. Zumindest so, dass er nicht mehr ganz so kĂ€mpfen muss. Aber es ist schwer mitanzusehen, wenn das eigene Kind leidet â und man weiĂ, dass man nur begrenzt helfen kann.
Seit ein paar Tagen kommt noch ein neues Symptom dazu. Nio hat immer öfter, lÀngere Atempausen.
Diese Atempausen bedeuten, dass die EntzĂŒndung im Gehirn nun auch das Atemzentrum betrifft. Ein Satz, den man als Mutter eigentlich nie hören möchte. Jeder Atemzug wird kostbar. Jedes Aussetzen lĂ€sst die Welt fĂŒr einen Moment stillstehen.
Wir beobachten ihn. Wir hören auf jeden Atemzug. Wir leben von Moment zu Moment.
Es ist eine Zeit voller Sorgen, voller Wachsamkeit â und gleichzeitig voller Liebe. Denn bei all dem Schweren bleibt eines unverĂ€ndert: unsere unendliche Liebe zu ihm. Sie trĂ€gt uns. Auch jetzt.