Vor kurzem habe ich ein Zitat gelesen, das mich nicht mehr loslÀsst:
âTrauer kann schon vor dem Tod beginnen.â
Dieser Satz hat mich tief berĂŒhrt. Denn er beschreibt etwas, worĂŒber viel zu selten gesprochen wird.
Viele Menschen erleben Trauer nicht erst in dem Moment, in dem ein geliebter Mensch stirbt. Manchmal beginnt sie viel frĂŒher â mit einer Diagnose. Mit einem Satz, der plötzlich alles verĂ€ndert. Mit dem Wissen, dass Zeit nicht mehr unendlich ist.
Eine lebensverkĂŒrzende Erkrankung nimmt nicht nur Gesundheit. Sie nimmt Sicherheiten. PlĂ€ne. SelbstverstĂ€ndlichkeiten. Und manchmal auch die gemeinsame Zukunft, die man sich so selbstverstĂ€ndlich ausgemalt hat. In der Psychologie nennt man das antizipatorische Trauer.
Seitdem ich weiĂ, dass unsere Zeit begrenzt ist, begleiten mich immer wieder Wellen der Trauer.
Ich versuche positiv zu bleiben. Ich versuche, im Hier und Jetzt zu leben. Ich versuche, dankbar zu sein. Und das bin ich auch.
Aber die Trauer kommt trotzdem.
Sie kommt leise, manchmal ganz plötzlich.
Trauer um all die Momente, die wir nicht mehr erleben werden.
Um Reisen, die wir nicht mehr gemeinsam antreten.
Um Jahre, die uns nicht geschenkt werden.
Es ist eine besondere Form der Trauer â eine, die zwischen Hoffen und Wissen steht. Zwischen Festhalten und Loslassen. Zwischen Dankbarkeit und Schmerz.
Und lange hatte ich das GefĂŒhl, ich mĂŒsste mich entscheiden:
Entweder stark sein.
Oder traurig sein.
Doch ich habe gelernt: Beides darf da sein.
Ich darf dankbar sein fĂŒr die Zeit, die wir hatten.
Und gleichzeitig traurig darĂŒber, dass sie begrenzt ist.
Ich darf lachen.
Und ich darf weinen.
Dankbarkeit und Trauer schlieĂen sich nicht aus. Sie existieren nebeneinander. Manchmal sogar im selben Moment.
Vielleicht ist genau das Menschlichkeit.
Nicht entweder â oder.
Sondern sowohl â als auch.
Und wĂ€hrend ich diese Zeilen schreibe, spĂŒre ich beides:
Die Schwere.
Und die Liebe.
Und vielleicht ist es genau diese Liebe, die der Trauer ĂŒberhaupt erst ihren Raum gibt.
Wir wissen nicht, wie viel Zeit uns bleibt.
Aber wir wissen, dass wir sie haben. Jetzt.
Letztes Jahr im MĂ€rz, wĂ€hrend unserer Make-A-Wish-Reise nach Leverkusen, hat Nio etwas geschenkt bekommen, das fĂŒr viele vielleicht nur eine Kleinigkeit gewesen wĂ€re: Aufkleber von Bayer 04 Leverkusen.
Es war ein besonderer Tag im Stadion. Ein Tag voller EindrĂŒcke, voller Freude, voller Licht. Nio hat gestrahlt. Damals konnte er noch selbststĂ€ndig laufen. Er konnte reden. Und vielleicht â ein kleines bisschen â sehen.
Wieder zuhause haben wir die Aufkleber gemeinsam auf eine Stange an unserem Haus geklebt. Es war nichts GroĂes. Keine perfekt vorbereitete FlĂ€che. Keine durchdachte Dekoration. Einfach ein spontaner Moment.
Aber Nio hatte so viel Freude dabei. Er war stolz. Er war glĂŒcklich.
Und seitdem war es fĂŒr mich nie einfach nur eine Stange mit FuĂballaufklebern. Es war eine Erinnerung.
Jedes Mal, wenn ich daran vorbeiging, musste ich an diesen Tag denken. An seine Schritte. An seine Stimme. An sein Lachen. An dieses kleine StĂŒck NormalitĂ€t, das sich so wertvoll anfĂŒhlte.
Heute Mittag haben wir entdeckt, dass jemand die Aufkleber abgekratzt und auf den Boden geworfen hat.
Vielleicht war es fĂŒr denjenigen einfach nur âdie falsche FuĂballmannschaftâ.
Vielleicht war es eine belanglose Handlung.
Vielleicht nur ein kurzer Moment von Abneigung.
FĂŒr uns war es mehr. Es war eine Erinnerung, die mutwillig beschĂ€digt wurde.
Ein StĂŒck Vergangenheit, achtlos heruntergerissen.
Auch wenn es ânurâ Aufkleber sind.
Manchmal hĂ€ngen an solchen Dingen ganze Welten. Manchmal kleben daran Momente, die man nie wieder zurĂŒckbekommt.
Denn Nio wird sie niemals selbst wieder hinkleben können. Und genau deshalb waren sie so viel mehr als nur Aufkleber.
Wie gerade viele Menschen auch, geht an mir der Krieg nicht spurlos vorbei.
Man kann die Nachrichten kaum einschalten, ohne dass sich Bilder und Gedanken festsetzen. Sie bleiben. Sie arbeiten in einem weiter. Und dann kommen diese anderen Gedanken.Â
Bestimmt gibt es dort Kinder, die so krank sind wie Nio.
Kinder, die nicht einfach nur Schutz brauchen, sondern Medikamente. Therapien. GerĂ€te. Ărzte. Ein Palliativteam an ihrer Seite. Menschen, die wissen, was im Notfall zu tun ist.
Kinder, deren Leben an Dingen hĂ€ngt, die in Friedenszeiten selbstverstĂ€ndlich wirken â und im Krieg plötzlich zerbrechlich werden.
Was passiert, wenn Sirenen heulen â und man sein Kind nicht einfach nehmen und in den Keller rennen kann?
Was passiert, wenn ein Stromausfall nicht nur Dunkelheit bedeutet, sondern Lebensgefahr?
Wenn Lieferketten reiĂen und genau das Medikament fehlt, das morgen gebraucht wird?
Ich stelle mir die MĂŒtter vor.
MĂŒtter, die ohnehin schon jeden Tag zwischen Hoffnung und Angst balancieren.
Die Dosierungen kennen wie andere Geburtstage.
Die jede VerÀnderung im Atem hören.
Die wissen, wie viel Kraft ihr Kind heute hat â und wie wenig manchmal.
Wie schlimm muss es sein, wenn zu all dem noch der Krieg kommt?
Wenn man nicht weiĂ, ob man morgen noch das bekommt, ohne das das eigene Kind vielleicht noch am selben Tag stirbt.
Wenn man entscheiden muss: Bleiben â weil das Krankenhaus hier ist?
Oder fliehen â ohne zu wissen, ob es am Zielort Versorgung gibt?
Man sagt oft, Kinder seien die unschuldigsten Opfer eines Krieges.
Aber fĂŒr schwerkranke Kinder bedeutet Krieg nicht nur Angst.
Er bedeutet ein reales, unmittelbares Risiko.
Nicht irgendwann. Nicht abstrakt. Sondern jetzt.
Diese Gedanken lassen mich nicht los. Und sie machen mich dankbar fĂŒr ein Gesundheitssystem, das trĂ€gt â trotz aller LĂŒcken, ĂŒber die wir im Alltag klagen.
Vor allem aber lassen sie mich fĂŒhlen:
Mit den MĂŒttern.
Mit den VĂ€tern.
Mit all den Familien, die neben der Angst vor Bomben auch die Angst vor dem nÀchsten fehlenden Medikament tragen.
Denn egal wo auf dieser Welt, die Sorge um ein krankes Kind klingt ĂŒberall gleich.
Vorgestern war ein besonderer Besuch bei uns zu Hause. Nios NeuropĂ€diaterin aus dem Krankenhaus Speyer war hier. Sie ist die Ărztin, die damals seine Krankheit entdeckt hat â und begleitet uns seitdem auf diesem Weg.
Nach Weihnachten haben wir entschieden, Nio nur noch im absoluten Notfall ins Krankenhaus zu bringen. Keine Untersuchungen oder Kontrolltermine mehr, kein Stress. Er soll einfach seine Ruhe haben dĂŒrfen.
Dass sie ihn trotzdem sehen wollte und zu uns gekommen ist, bedeutet mir unendlich viel. Manche Menschen hinterlassen mehr als nur ihre Arbeit â sie werden Teil unserer Geschichte.Â
Heute war auch das Palliativteam wieder bei uns. Nios Atemaussetzer werden lĂ€nger und hĂ€ufiger, seine Atmung ist teilweise sehr flach und unregelmĂ€Ăig geworden. In den letzten Tagen hat sich spĂŒrbar etwas verĂ€ndert.Â
Wir sind unendlich dankbar, dass wir dieses Team an unserer Seite haben, da es uns ermöglicht, Nio gut zu Hause zu betreuen.Â
Mein einziger Wunsch ist es, dass er nicht leiden muss â„ïž.
Wieder ist ein Monat vergangen. Ein weiterer Monat, fĂŒr den wir dankbar sind.
Seine Atmung hat sich weiter verschlechtert. Es gibt Tage, an denen er sehr viel schlÀft. Dann sitze ich oft einfach neben ihm, schaue ihn an und halte seine Hand.
Er zeigt uns jeden Tag, wie stark er ist. Trotz allem kĂ€mpft er weiter â auf seine eigene, stille Weise.
Diese Woche hoffen wir auf etwas, worauf wir schon lĂ€nger warten: Vielleicht kommt endlich der Rehabuggy. Da er mittlerweile nicht mehr im Rollstuhl sitzen kann, wĂ€re das fĂŒr uns eine groĂe Hilfe.
Jetzt, wo das Wetter langsam schöner wird, wĂ€re es schön, mit ihm wieder ein bisschen nach drauĂen zu können. Vielleicht einfach in den Garten, die frische Luft genieĂen oder eine kleine Runde laufen gehen.Â
Und wieder merken wir: Es sind nicht die groĂen Dinge, die zĂ€hlen. Es sind die kleinen Augenblicke â ein Blick, eine BerĂŒhrung, ein gemeinsamer Moment.
Heute wurde doch tatsÀchlich kurzfristig der Rehabuggy vom SanitÀtshaus geliefert! Und als wÀre das nicht schon genug Grund zur Freude, kam gleich auch noch der Therapiestuhl mit dazu. Wir sind unglaublich dankbar, dass jetzt beide Hilfsmittel endlich da sind.
Und weil ihr uns so tatkrĂ€ftig unterstĂŒtzt habt, hĂ€tten wir direkt noch einen kleinen Wunsch: Ein bisschen Sonnenschein und wĂ€rmere Temperaturen wĂ€ren jetzt einfach perfekt. âïž Das wĂŒrde den Start mit dem Rehabuggy gleich noch schöner machen!
Danke euch allen fĂŒrs Mitfiebern und Daumen drĂŒcken â€ïž
Heute war ein ganz besonderer Tag: Zum ersten Mal konnten wir unseren Reha-Buggy ausprobieren â und das bei strahlendem Sonnenschein.
FĂŒr den Anfang haben wir es ruhig angehen lassen und sind eine kleine Runde spazieren gegangen. Danach haben wir noch etwas Zeit im Garten verbracht und die frische Luft genossen.
Nio lag dabei ganz entspannt im Buggy, ruhig und zufrieden â ein Moment, der uns einfach nur glĂŒcklich gemacht hat.
Es sind oft genau diese kleinen, unscheinbaren Augenblicke, die so viel bedeuten und einem zeigen, was wirklich zÀhlt.
Jetzt freuen wir uns schon auf viele weitere schöne Tage drauĂen. âïž
Und manchmal holen einen die Erinnerungen ohne Vorwarnung ein â wie eine Welle, die plötzlich anrollt und ĂŒber einem zusammenbricht.
Ich wollte einfach nur eine Geburtstagsnachricht schreiben. Eine kurze WhatsApp, nichts Besonderes. Ich tippte âhappyâ ins Handy â und statt âbirthdayâ schlug mir die Autokorrektur âmealâ vor. Ein kleines Wort. UnspektakulĂ€r eigentlich. Und doch hat es gereicht.
Mit voller Wucht war sie da â die Erinnerung.
Nio wollte letztes Jahr nach der Diagnose so oft ein Happy Meal von McDonaldâs. Es war eine dieser Phasen, die man im Alltag vielleicht belĂ€chelt oder sogar begrenzt hĂ€tte. Aber unser Alltag war lĂ€ngst kein gewöhnlicher mehr. Wir wussten, dass seine Schluckstörung ihm StĂŒck fĂŒr StĂŒck mehr nehmen wĂŒrde. Dass Essen irgendwann nicht mehr selbstverstĂ€ndlich sein wĂŒrde.
Was vorher nicht zu meinem Erziehungsstil gepasst hĂ€tte, wurde nebensĂ€chlich. Regeln wurden leiser. DafĂŒr wurden WĂŒnsche lauter. Seine WĂŒnsche. Kleine, einfache Dinge, die auf einmal eine ganz andere Bedeutung bekamen.
Also sind wir oft losgefahren. Der McDonaldâs um die Ecke wurde zu einem Ort voller kleiner GlĂŒcksmomente. Manchmal hat mein Partner nach der SpĂ€tschicht ein Happy Meal mitgebracht. Und Nio durfte es im Bett essen â etwas, das sonst wahrscheinlich nie erlaubt gewesen wĂ€re.Â
Hamburger ohne Fleisch, Pommes und Schokoshake. Er nannte es seinen âMitternachtssnackâ. Und er hat dabei gestrahlt.
Heute tut es weh, daran zu denken. Zu wissen, dass es diese Momente nie wieder geben wird. Dass kein Mitternachtssnack mehr kommt, kein freudiges Auspacken, kein LĂ€cheln ĂŒber Pommes und ein kleines Spielzeug.
Und gleichzeitig ist da diese tiefe Dankbarkeit fĂŒr genau diese Erinnerungen. FĂŒr all die Male, in denen wir âJaâ gesagt haben. FĂŒr das Loslassen von Perfektion. FĂŒr das bewusste Erleben von Augenblicken, die damals vielleicht klein wirkten â und heute unermesslich groĂ sind.
Erinnerungen wie diese bleiben, kommen manchmal unerwartet, reiĂen einen mit sich, tun weh. Aber sie sind auch ein Geschenk. Ein leiser Beweis dafĂŒr, wie viel Liebe in diesen Momenten gesteckt hat. Und wie wertvoll sie wirklich waren.
Es ist jetzt genau ein Jahr her â und doch fĂŒhlt es sich an, als wĂ€re es erst gestern gewesen.
Man sagt oft, dass Erinnerungen mit der Zeit verblassen. Aber manche tun das nicht. Manche werden sogar noch stÀrker und wertvoller. Diese hier gehört definitiv dazu.
Was Make-A-Wish fĂŒr uns möglich gemacht hat, war so viel mehr als ânurâ eine WunscherfĂŒllung. Und was Bayer 04 Leverkusen daraus gemacht hat, war einfach unbeschreiblich.
Wir durften nicht nur einen Traum leben â wir durften Menschen begegnen, die ihn mit ganzem Herzen möglich gemacht haben. Allen voran Cordula, mit der wir bis heute noch Kontakt haben.Â
Ein wunderschönes Erlebnis. Die BayArena. Der Rasen. Die AtmosphĂ€re. Dieses Einlaufen ins Stadion. Nio mittendrin. GlĂŒcklich. FĂŒr einen Augenblick war alles andere still.
Kurz danach habe ich mich entschieden, dem Fanclub von Bayer 04 Leverkusen beizutreten. Nicht nur wegen des Spiels. Sondern wegen dem, was dieser Verein uns gegeben hat. Ein GefĂŒhl von Zugehörigkeit und Herz.Â
Leverkusen wird fĂŒr mich immer mehr sein als nur ein Ort oder ein FuĂballverein.
Es ist ein StĂŒck unserer Geschichte geworden.
Ein Ort, an dem ein Wunsch Wirklichkeit wurde.
Ein Ort, an dem wir gesehen haben, wie viel Menschlichkeit möglich ist.Â
Ein Ort, der fĂŒr immer in unserem Herzen bleibt.
Danke, dass diese Erinnerung bleibt. FĂŒr immer. â„ïž